Jurten
von Claudius Kern
Moderner JURTENBAU - Meilensteine einer Entwicklung
Jurten sind bislang das übersehene Aschenbuttel der Baubranche und damit gut für ziemlich steile Überraschungen, was Kosten, Herstellungsweise, Outfit und Verwendbarkeit betrifft. Es handelt sich hierbei um eine ganzjährig bewohnbare Rundzelt-Bauweise, die in den klimatisch extremen Ursprungsländern der Mongolei, des Hohen Altai und des Kaukasus noch immer weit verbreitet ist.
Obwohl sie gegenüber der in Europa fast ausschließlich zum Wohnen benutzen Fest- und zumeist Rechteck-Bauweise zahlreiche Vorteile aufweist, war ihr die Verbreitung bisher verwehrt.
Mit Hilfe von Industriematerialien lässt sich diese Schranke aber wirksam beheben, wenn auch um den Preis des Verzichts auf reine Naturmaterialien wie bei den Originaljurten. Bis hier Besseres gefunden wird, muss sich unser Bestreben darauf beschränken, die in unserem Feucht-Klima unersetzbare Kunststoff-Außenhaut wenigstens so anzubringen, dass sie nicht mit der Innenraum-Atemluft in Berührung kommt.
Die Haupt-Vorteile des Jurten-Wohnbaus: Mobilität und Flexibilität, Schönheit, Leichtigkeit, extreme Sparsamkeit Material und Kosten betreffend, Resoucenschonung, einfache und rasche Herstellbarkeit ohne besonderes Fachkönnen, extreme Sturm- und Erdbebenfestigkeit und nicht zuletzt, dass sie keinerlei Bodenversiegelung verursacht. Und schließlich bleibt zu hoffen, dass diese „Woh-Zeltbauweise“ an eine stark überspannte und ganz deutlich der wirtschaftlichen Ausbeutung dienende Baugesetzgebung einige längst fällige Fragen zu stellen vermag...
Im Winter 2003 veröffentlichten wir - die Forschungsgemeinschaft für naturgerecht-rundes Bauen und Leben (in Graz) - in "Wohnung + Gesundheit“ die erste Vorstellung einer Jurtenbauweise im bis dahin nicht dafür geeigneten Klima Mitteleuropas. Seither hat sich viel getan:
Baumschösslinge, Bambus und Fertigteile...
Schon im November 2004 hielten wir es für einen wichtigen Durchbruch, als wir im Allgäu mit der ersten Jurte aus halbierten Baumschösslingen (sowohl Scherengitter wie Dach) begannen und sie konsequent mit Rindenschrott dämmten. Trotz der 7,4 m Durchmesser schafften wir damit einen Tiefpreis-Rekord von knapp 60 €/m², da nur die Ummantelung aus Polyplan und Markisenstoff aus industrieller Fertigung stammte (normalerweise muss man mit 100 bis 150 €/m² rechnen). Im Frühjahr letzten Jahres arbeiteten wir daran weiter und wiederholten diese Bauweise in Graz, wobei sie noch - derzeit nur textil als Sommerjurte eingekleidet - auf eine Schilfdeckung wartet.
Gleich als nächstes fertigten wir das gesamte Skelett aus Bambus (auch hierzulande wachsender Bambus ist dazu bestens geeignet) und entdeckten dessen geradezu ideale Eignung für den Jurtenbau. Im Sommer wurde zudem das gesamte Jurtenkonzept auf Elemente-Bauweise umgestellt. Wie bereits angedeutet, ist die Filz-Eindeckung und Dämmung für unser Klima nicht geeignet, andere Zelt-Dämmungen gab es aber praktisch nur aus Kunststoff (z.B. alubedampfte Luftpolsterfolie). Unser Ziel ist es aber, baubiologische Richtlinien so weit wie möglich zu erfüllen.
Für die erste in unserem Forschungsinstitut erstellte Wohn-Jurte verwendeten wir aufwändig gesteppte Wollvlies-Dämmbahnen. Dieser Weg ist nach wie vor interessant, hat aber bislang noch einige Mängel. Einer davon ist das darauf schlecht anwendbare moderne Dampfdiffusionskonzept. Mit Hilfe der Elementbauweise lässt sich dieses Problem jedoch lösen, zudem lässt sie das gesamte Dämm-Spektrum zu (z.B. Schüttdämmungen). Nun liegt aber die einzigartige und hervorragendste Stärke der Jurtenbauweise in ihrer Biege-Steifigkeit („Tesegrity“), doch allzu leicht wird daraus etwas anderes: ein fester Bungalow...
So hat sich im letzten Jahr ziemlich alles verändert bis auf das Erscheinungsbild und das Scherengitter. Letzteres bewirkt einfach am besten die Rundung bei gleichzeitiger Aufnahme der Scherkräfte. Aber sowohl innen wie außen schaut alles noch immer echt jurtenmäßig aus. Der Laie sieht kaum etwas von diesen (durchaus gravierenden) Veränderungen.
Basis einer konsequenten Ökologisierung des Wohnens
Wir mussten also das diffizile Zusammenspiel der Bestandteile und Materialien völlig neu überdenken. Mit dem Gelingen desselben steht und fällt die Verbreitung des Jurtenbaus in Europa und allen übrigen feuchteren Gebieten der Welt. Ein mobiler, extrem kostengünstiger und nicht länger naturschädigender Wohnbau (der die Erde nicht verletzt) wird dadurch auch hier möglich. Eine entsprechend konsequent weiter entwickelbare Ökologisierung des Wohnens erlaubt eine Koexistenz von Mensch und Natur, von der die Monokulturen der Städte und Äcker heute nur träumen können (s. G.H. Becher: Ökologische Wertigkeit des Bodens, München 1976). Nur unter solchen Umständen lässt sich eine Rückbesiedelung auf’s Land ökologisch vertreten, was - richtig organisiert - zugleich das Ende der Naturentfremdung des Menschen mit bewirken sollte.
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Florian hat ein Video in Graz gedreht. Gezeigt wird die Jurte von Claudius.
Download: Jurtenvideo
Achtung: Der Film wiegt stolze
27MB!
Das heißt wer mit einem herkömmlichen Modem unterwegs ist wird lange brauchen, bis das Video auf Festplatte ist.
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