Erfahrungsberichte
"Ich liebe das "
von Ralph
Ich spürte, die Treppe nach oben ist steiler geworden seit dem ich vorhin hinunter gegangen war. Aber nun, ohne stützenden Arm, erklimme ich die unregelmäßigen Stufen mit ihrem rutschigen Teppichbelag.
Leicht döselig im Kopf erinnere ich mich an den merkwürdigen Menschen, der mir vorhin im Restaurant gegenüber saß beim Hähnchenbeinabknabbern, der mir beim Bierschlürfen zusah, mich, trotz meiner inneren Abwehr, positiv in ein Gespräch verwickelte, mich mehr und mehr ausfragte.... und ich letztendlich darauf einging.
Er begutachtete mit Kennerblick meine winzige Olympus-Kamera. Meinte, noch ein weiteres kühles Faßbier in anderer, illustrerer Gesellschaft zu trinken, wäre wohl kaum verkehrt.
„Es ist nur 2 Ecken weiter“, überredete er mich. Ich ging tatsächlich mit ihm, konnte wieder mal meine Neugier nicht zügeln. Wir gingen um eine Ecke und um eine nächste. Dunkel wurde es. Keine Straßenlaterne mehr. Wir wechselten die Straßenseite, die Bürgersteige wurden höher, die Löcher in der Straße tiefer. Ich stolperte dann und wann, trotz meiner Gewöhnung an unregelmäßigem Straßenbelag. Es wurde immer dunkler.
Die nächste Gasse war so eng, daß man nur noch wenige Sterne am Himmel sah. Hohe, alte Häuser ließen kaum das Mondlicht nach unten.
Mein Begleiter hielt an. Nahm mich am Arm, deutete auf eine düstere Treppe nach unten, in den Keller eines dunklen Hauses. Er nahm mich am Arm, wir stiegen die Stufen hinab. Er öffnete eine gewaltige Holzpforte.
Licht, Musik, Stimmengewirr, Zigarettenqualm schlug uns entgegen. Wir traten ein, höflich von einem Türsteher begrüßt, drängten uns zwischen Leuten hindurch in Richtung etwas mehr Licht. Standen bald am Tresen. Wollten ein Bier bestellen. Doch wurden wir gleich aufgefordert uns an einen Tisch mit einigen Leuten zu setzen.
Dorthin bekamen wir gleich Bier gebracht, frisch vom Faß gezapftes einheimisches. Neben mir saß ein Mann mit lustig jugendlichem, dünnen Spitzbart, hatte Pappkartons vor sich auf dem Tisch mit getuschten und lavierten Federzeichnungen. Es waren Cartoons höllischster Art. Prominente darstellend, wie sie sich selbst jemals gesehen haben wollten.
Zum Beispiel den herrschenden Staatspräsidenten, verkatert, mit Triefaugen und Wabbelbauch, sich auf einem schäbigen Primitivklo somnambul den Hintern abwischend... aber auch Bikini-Schicksen, wie sie sich geifernd lachend über still und würdig beobachtende Frauen beugen, sie dreist fotografieren...
Die anderen an unserem langen Tisch lachten lauthals beim Betrachten, klopften dem Zeichner auf die Schulter. Dann sprach einer zu ihm, ruhig, ernst, gelassen... Drei Tage später sah ich eine Zeitschrift an allen Kiosken hängen, das Bild des Präsidenten auf dem Klo, nur leicht abgeschwächt in der brutalen Deutlichkeit, auf dem Titelbild.
Um uns herum wurde getanzt. Dann und wann ein Mann, der lustvoll seine Schrittfolge dem ansteigenden Trommelrhythmus folgen ließ und auch viele Pärchen, die zu den Klängen von Joplin, Clapton miteinander tanzten. Teils in verzückten Bewegungen, teils in inniger Umarmung. Bald stoppte die Musik vom Plattenteller – mehrere Musiker nahmen Platz auf Stühlen. Trommeln, Saiten klangen, Sänger, Sängerin... den Chor machten die Gäste. Im fliegenden Wechsel hörte man ruhig getragene Balladen und wildeste Tanzmusik.
Ein weiterer Mann kam an unseren Tisch, begrüßte uns, auch mich, mit Handschlag, legte auch seine abgegriffene Zeichenmappe mit Cartoons auf den Tisch. Wieder Lob, wieder stille Beurteilung. Kein Wort konnte ich verstehen – spürte aber beim stillen Beobachten meiner Gegenüber, Rat zur Behutsamkeit war der Ratschlag dieser.
An unserem Tisch , mir schräg gegenüber, saß eine junge Dame, als Zuhal war sie mir vorgestellt worden. Wie unbeteiligt richtete sich ihr Blick in eine unbekannte Ferne. Doch dann und wann schaltete Sie sich in unser eifriges Gespräch ein. Und jedes Mal, wenn sie sich mit ihrer leisen, warmen Stimme äußerte, schwiegen alle anderen, hörten aufmerksam zu, nickten dann mit dem Kopf. Sie war die einzige Frau an unserem Tisch.
Sie war mir gleich aufgefallen als ich allen vorgestellt wurde. Ihr hochgestecktes schwarze Haar, von einer goldenen Spange gehalten. Ihr, trotz deutlich konturierten Lippen, dezentes Make-up, ihr brauner Teint. Ihre riesengroßen Augen mit starker Kajal-Umrandung. Ihr schlichtes, graues T-Shirt betonte die, versteckt in kleinem schwarzen Spitzen-BH mit bindfadenstarken Trägern, ihre kleinen Brüste. Ihre schwarzen Jeans ließen mich wunderbar lange, schlanke Beine ahnen.
Trotz meiner Faszination zwang ich mich, meinen Blick nie direkt auf sie zu richten. Der eine Cartoonist fragte mich in gebrochenem Schuldeutsch, wo ich herkäme, wo genau aus Deutschland. Ich antwortete ihm also gleich mit „Darmstadt“, nicht wie sonst so oft „aus der Nähe von Frankfurt“. Und er kannte Darmstadt.
Sagte, er wäre oft dort gewesen, wäre gerne über die „Künstlerkolonie“ spaziert, auch durch den Schloßhof. Er schwärmte von „seiner“ Stammkneipe im Watzeviertel und dem komischen sauren Apfelwein, den er dort mit Freunden trank. Er fing an der Frau von den vielen Jugendstilhäusern in Darmstadt, dem Hochzeitsturm, der russischen Kapelle zu erzählen.
Die „russische Kapelle“ war das Stichwort für mich - endlich. Nun konnte ich Zuhal persönlich ansprechen. Ich schilderte ihr in meinem leidlichen Schulenglisch, daß diese Kirche zu Ehren des allerletzten Zarenpaares errichtet wurde. Das die letzte Zarin Rußlands Darmstädterin war, Alexandra genannt wurde, das sie es war, die es durchsetzte, die Kirche „Magdalena“ zu weihen, der Gefährtin und Vertrauten Jesu. Zuhal meinte daraufhin, scheinbar lapidar, es wäre wohl der Einfluß Rasputins gewesen, der sie dazu bewogen hatte, dies gegen des ausdrücklichen Wunsches ihres Zaren-Gatten und seiner Berater durchzusetzen.
In mir fuhr ein Gedankenkarussell an. Wohin bin ich hier in dieser Runde, dieser Stadt, geraten? Tausende Kilometer entfernt von zuhause sprechen Leute mit einem Wissen, daß mich merkwürdig ergreift.
Mir zuliebe spricht man meist deutsch miteinander, auch englisch, ein wenig französisch. Man redet mich immer wieder mit meinem Namen an, integriert mich mit ausgesuchter Höflichkeit in das allgemeine Gespräch. Nach und nach erkenne ich, alle am Tisch sind direkt oder indirekt im Verlagswesen tätig, als Zeichner meist.
Zeichner und Schreiber, die ihre scharfen Cartoons in aller Bissigkeit betexten. Eine mutige Bissigkeit steckt in den zeichnerischen Ausführungen, die ich nie zuvor so deutlich ausgeprägt sah.
Als ich ihnen erzählte, daß ich vor Jahren ein wenig mit der deutschen Satirezeitschrift „Pardon“ zusammenarbeitete, schaltete sich sofort der spitzbärtige Cartoonist ein, erzählte von seiner Arbeit mit der damaligen Redaktion – er lieferte Ihnen einige Zeichnungen, klagte ein wenig über das niedrige Honorar, daß die Herren Bärmeyer und Nickel ihm seinerzeit zahlten. Zu Bedauern sei das Eingehen der Zeitschrift, da es seit damals nichts ebenbürtiges mehr in Deutschland gegeben hätte schaltete sich die Dame Zuhal heftig ein, die Ellenbogen auf den Tisch gestützt, ihr Haar und den langen Ohrring richtend, das Kinn vorwurfsvoll zu mir hin gestreckt, ihre großen Augen Erklärung fordernd weit geöffnet. Mehr als mein Bedauern dieser Tatsache war ich nicht imstande zu äußern.
Diese Frau faszinierte mich, zuerst nur durch ihr Aussehen, ihr einfaches aber ausnehmend gelungenes Dressing, das einfachst gehalten ihre gesamte Persönlichkeit unterstrich, durch Weglassen von Extravaganzen ihren gesamten Habitus in einer geheimnisvollen Aura verbarg. Mein Intellekt war nun herausgefordert, gefragt.
Um uns herum das Gläserklirren, der Dunst des Zigarettenrauchs, das Stimmengewirr vom Tresen her, die Musik, die Tanzenden. Nun wagte ich es das erste Mal ihr in diem Augen zu schauen. In ihre grau-schwarzen großen Augen, die mich durchdringend anblickten. Abgründe taten sich in mir auf, tiefste Abgründe, größenwahnsinnig wurde ich. Dachte an den Moment als Cäsar das erste Mal Cleopatra gegenüber stand, ihrem forschenden Blick versuchte stand zu halten. Ich war gebannt, verzaubert worden. Ich verstand die ganze Welt, mein Dasein nicht mehr. Worte von mir wären nun nur noch hilfloses Gestammel geworden.
Ich drehte mich zu den Tanzenden um. Zu einem Lied von Sezen Akzu bewegten sie sich teils Arm in Arm, teils voneinander im Abstand allein tanzend. Frauen, die mit all ihrer Eleganz sich rhythmisch zur schmachtenden Musik wie Schlangen bewegten, Männer, deren Stolz, Würde und Ehre mit ihren Tanzschritten zum Ausdruck kamen. Ein kleines Mädel zwischen ihnen tanzte selbstversunken, ihren Blick in unendliche Ferne gerichtet einen Tanz mit unsichtbaren Schleiern.
Ich wendete mich Zuhal zu: „Tanzen wir?“. Sie erhob sich, nahm meinen dargereichten Arm, ich zog sie mitten auf die Tanzfläche zwischen die anderen. Schlangenhaft auch sie begann sie sich zu drehen, wand sich graziös, drehte sich wieder zu mir, sah mir kurz tief in die Augen. Auch bei ihr dieser entrückt entfernte Blick, pure Sinnlichkeit ausstrahlend in ihrem abwesend leuchtendem Wesen. Sie hob manchmal schlängelnd tanzend einen Arm, ich konnte ihre makellos gepflegten Achselhöhle sehen, ihren braunen Teint der Haut, ihre Goldarmreifen.
Sie hob sich schwingend den Arm noch höher, die Armreifen rutschten hinunter zu ihrem Ellenbogen, klapperten mit ihrem typischen Geräusch aufeinander. Wir nahmen uns bei den Händen, tanzten wiegend umeinander, miteinander einen Mix zwischen Fox, Rock, Swing. Mal weit auseinander, mal sich in den Arm nehmend. Kam sie mir durch ihre Drehung nahe, spürte ich ihre kleinen Brüste an den meinen. In meiner Hand drehte sie sich mit ihrem hoch erhobenen Arm, ihre zarte Achselhöhle mir darbietend. Mir alleine.
Alles um mich herum war nicht mehr da.
Ein heftiger Schubs an meine Hüfte beendete dies alles. Der Spitzbart zog mich zu sich heran, raunte mir ins Ohr: „Zuhals Mann kommt gleich. Setzt Euch besser.“ Sie drehte sich noch einmal an mich, ganz eng. Ich spürte wieder kurz ihre festen Brustwarzen elektrisierend durch mein Hemd. Sie nahm energisch meine Hand, zog mich zurück an den Tisch. Setzte sich wieder auf ihren Platz, ich auf den meinen, ihr schräg gegenüber. Der andere Cartoonist fragte mich, ob ich schon öfters hier gewesen sei. Er erstaunte, als ich ihm antwortete „schon ziemlich oft“. „Solches tut man nicht“, raunte er mir zu. Diese Frau hätte ihren Mann und er sie. „Das muß auch Dir heilig sein“. Ich nickte ihm entschuldigend wissend zu.
Das Gespräch am Tisch war erstorben. Man prostete sich zwar höflich zu, gab sich locker aber unverbindlich. Ich ließ mir zwar nochmals die Tuschezeichnungen reichen, gab aber keinen Kommentar dazu. Mein Gefährte meinte bald, er würde nun nach Hause gehen und erhob sich. Ich winkte dem Kellner. Doch einer der Tischgenossen bestimmte mir lächelnd, ich wäre ihr Gast gewesen. Mit Handschlag verabschiedete ich mich von allem am Tisch, der neutrale Händedruck Zuhals erstaunte mich. Durchs Gewühl der Tanzenden und den dicken Zigarettenrauch gingen wir zum Ausgang... die Treppe hinauf...
Schweigend gingen wir nebeneinander den gleichen Weg zurück, der Halbmond stand nun direkt über der Gasse. Wir bogen um die Ecke, achteten auf die Löcher in der Straße, stolperten nicht. Wieder um einen Ecke. Nun war Licht einer Straßenlaterne. Mein Begleiter legte seinen Arm über meine Schulter. Für mich war es ein absolut ungewohntes Gefühl, seinen Arm, seine aufrichtige Nähe zu spüren, vor allem sein Verständnis um meine Verwirrung.
„Nach Deutschland geh ich nie wieder zurück“
war das einzige, was er auf unserem Rückweg sagte. Ich schwieg den ganzen Rückweg. Vor uns, hoch über der Gasse sahen wir eines der Minarette der Haghia Sophia.
Ein paar Schritte weiter, um die letzte Ecke zu meinem schäbigen Hotel mit dem Drahtbett, stand übermächtig die Sultan Ahmed, die blaue Moschee, vor uns. Bar jeder bloßstellenden Anstrahlung mit Scheinwerferlicht sah man deutlich die Konturen ihrer Kuppel, ihrer sechs schlanken Minarette. Ich stand nun im Eingang meines Hotels, hatte geklingelt um jemanden zum Öffnen zu wecken. Mein Begleiter sagte:
„Ich würde Dich gern morgen zum Airport begleiten. Sehen wir uns zum Frühstück im „Pudding-Shop“?
“Ja“
sagte ich gern. Er verschwand bald in der Dunkelheit Richtung Topkapi. Jemand öffnete mir knarrend verschlafen die vergammelte Hoteltür. In meinem von der Tageshitze nochaufgewärmtem Zimmer nutzte ich müde und in diffusen Gedanken, ganz gegen meine Gewohnheit, das alte, verkalkte Waschbecken zum Pinkeln. Öffnete das Fenster weit, sah noch mal auf die altehrwürdige Hagia Sophia. Ich zog mich aus, legte mich ins quietschende Drahtgestellbett. Rauchte mit halbgeschlossenen, nun bestimmt schon arg trüben Augen noch eine Zigarette. Kein Geräusch war zu hören, kein Knarren der Dielen im Gang draußen, kein Auto draußen auf der Straße. Die Zigarette drückte ich bald halb geraucht aus im Aschenbecher auf meinem Bett. „Wie spät war es wohl?“ Keine Lust im Dunkeln auf die Uhr zu schauen. Im Einschlafen hörte ich das erste „Allah – il Allah...“ des Muezzins von der blauen Moschee. Und ein Hahn krähte.
Ralph
|
Wollt Ihr auch Euren Erfahrungsbericht veröffentlichen? Schickt uns Eure "Türkei Story"
|