Erfahrungsberichte
von Bianka
Sind wir doch mal ehrlich! Was stellt man sich vor, wenn man an die Türkei denkt? Sonne, Strand, Meer, toller Urlaub möglichst mit All Inclusiv zum Schnäppchenpreis, billiges Gold, billige Lederwaren, Antalya, Alanya. Und natürlich Frauen in Kopftüchern, die zu Hause eingesperrt werden, Männer mit dunklen-glühenden Augen, die Frauen unterdrücken und nur krumme Geschäfte machen. Jede Menge Vorurteile!
Die Türkei , ein Land zwischen Orient und Okzident, zwischen Moderne und Tradition hat soviel mehr zu bieten. Macht die Augen auf und traut euch, dieses herrliche Land auch abseits der üblichen Touristenwege zu erkunden und kennenzulernen. Es lohnt sich! Aber macht euch darauf gefaßt, das euch unterwegs die Vorurteile abhanden kommen könnten.
Die Türkei ist ein großes Land, das von 4 Meeren benetzt wird: dem Mittelmeer, dem Ägäischen Meer, dem Schwarzen Meer und dem Marmara-Meer, das kleinste Meer der Welt. Es dauert ganze 75 Minuten, bis die Sonne über allen 67 Provinzen aufgegangen ist. Es ist ein Land, das durch Naturschönheiten seiner Landschaft bezaubert, von dem rauhen Gebirge in Inneren bis zur Steppe, von der bizarren Schönheit Kappadokiens bis zu den glasklaren Meeren, von den Stränden bis zu den Überresten antiker Zeugen der Vergangenheit.
Ein Land, durch das 12 Kulturen durchgegangen sind und sich überlagerten. Jede hinterließ ihre Spur. Nach Palästina ist es das Land, in welchem Christen ihren Glaubensursprung finden, wo Euphrat und Tigris entspringen. Kunst und Literatur haben die Türkei als ein zügelloses Land dargestellt, wo Wollust und Unzucht im Harem des Sultans herrschten. Die Türken sind gastfreundlich, großzügig und sehr hilfsbereit, es kann sogar passieren,wenn sie nach dem Weg fragen, das ein Türke in ihren Wagen springt und ihnen den Weg zeigt und anschließend 3 km zurückläuft.
In den großen Städten ist es hektisch, während die Menschen im Landesinneren noch nach jahrtausendalten Sitten und Gebräuchen leben. Die türkische Küche ist wohlschmeckend und basiert auf alter Tradition. Schon die alten Römer hatten in ihren Küchen türkische Köche.
Die Türkei ist das Paradies der Oliven, der Weinreben, der Zitrusfrüchte und des Gemüses und eines der wenigen Länder, die sich selbst versorgen könnten ohne vom Ausland Lebensmittel einführen zu müssen. Sie ist das Land der Baumwolle, des Kaschmirs und des Leinens, im Süden des Landes wechseln sich Felder und Plantagen mit modernen Ölraffinerien ab.
Die Türkei hat rund 75 Millionen Einwohner, wovon etwa 99 % Moslems sind. Seit 1923 ist sie Republik. Hauptstadt ist Ankara, doch ist Istanbul, diese alte, geheimnisvolle und magische alte Dame immer noch die heimliche Hauptstadt. Den Ruhm vergangener Zeiten und die Spuren aus der Herrschaft von 3 Reichen bewahrend- das märchenhafte Byzanz, später das herrliche Konstantinopel und heute das wunderschöne Istanbul.
Die Türkei ist wohl das grüßte Freilichtmuseum der Welt und ich glaube, es würde ein ganzen Leben nicht ausreichen, alles zu sehen und kennenzulernen. Doch das faszinierendste sind wohl die Menschen.Immer mit einem Lächeln, das man glaubt, sie sehen einem im die Seele, mit einer Gastfreundschaft, die manchmal geradezu beschämend für uns ist und einer Großherzigkeit, wie man sie selten findet. Selbst der ärmste Mann gibt noch von seinem Wenigen ab, ohne etwas zu verlangen. So ist es uns an unserem 1.Weihnachten hier geschehen. Weihnachten, natürlich richtig deutsch, muß eine Gans her. Also wir ins Auto und einfach im nächsten Dorf auf den erst besten Bauernhof gefahren, weil dort fette Gänse rumliefen. Wir hatten die Leute vorher nie gesehen, und sie uns natürlich auch nicht. Wir stiegen also aus, machten mit Händen und Füßen klar, was wir wollten und ehe wir uns versahen, saßen wir erst mal im Haus.
Einfachst eingerichtet, mit einem Holzofen, 2 alten Sofas und in der Ecke stand ein Kinderbettchen, aus welchem uns ein Knirps anschaute. Es wurde Tee serviert und was man so unter Unterhaltung ohne Worte versteht. Aber geprägt von einer Herzlichkeit, wie ich es noch nie erlebt hatte.
Nach und nach trudelten auch noch die Nachbarn ein, von denen wenigstens einer so halbwegs englisch sprach, und uns wurde mulmig, ob man uns auch verstanden hatten. Wir wollten doch nur eine Weihnachtsgans! Nach 2 Stunden führte man uns raus auf den Hof, Kuhstall-Besichtigung, Hühnerschau, und, und, und. Schließlich wurden wir gefragt, welches von den Gänsen es denn sein soll.
Ich hatte schon Angst, ich solle es lebend mitnehmen, dann würde das Vieh ewig bei mir leben. Die Männer und wir gingen wieder hinein, während sich die Frauen um meinen Weihnachtsbraten kümmerten. Schließlich wurde auf dem Boden eine Decke ausgelegt und auch noch Essen serviert. Statt nur eine Gans zu schlachten, hatte man auch noch ein Huhn geschlachtet, was nun, neben anderen Köstlichkeiten aufgetischt wurde.
Also fand ich mich wieder in einer türkischen Hütte inmitten wildfremder Leute, auf dem Boden sitzend und essend. Zum Abschluß noch Kaffee. Nach endlich 6 Stunden hatten wir es geschafft, endlich durchzusetzen, das wir nun gehen wollten. Man drückte uns die gut verpackte Gans in die Hand und eskortierte uns zum Auto.
Mein Mann fragte nach dem Preis für die Gans. Man sagte uns, man wolle kein Geld. Wir waren völlig verblüfft und irgendwie auch beschämt. Also fragten wir nochmals, aber rigeros wurde es abgelehnt, Geld zu nehmen. Man sagte uns folgendes: "Freundschaft ist mehr wert, als alles Geld".
Es bewegt mich heute immer noch, wenn ich daran denke. Tage später haben wir dann Geschenke für die Kinder hingebracht, jedoch peinlichst darauf achtend, nicht wieder in 6 stündige "Gastgefangenschaft" zu geraten. Dies sind die kleinen Geschichten, die passieren können, wenn man sich mal fernab von Tourismus bewegt. Ich hoffe sehr, das ihr auch die original türkische Gastfreundschaft erleben dürft. Bianka
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